Mai 2013

Das Essen kommt auf Rädern

Ein sehr schöner Beitrag von Freddy Kugler aus der Wiler Zeitung vom 30.8.2013:

 

Rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung in der Schweiz ist in irgendeiner Form freiwillig tätig – in Vereinen, Behörden und Familien, Sport und Kultur, in sozialen, kirchlichen oder politischen Organisationen, bei Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden. Insgesamt leisten die Freiwilligen zusammen geschätzte 640 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr – fast so viele wie im gesamten Gesundheits- und Sozialwesen bezahlt werden. In einer Serie stellen wir einige Menschen vor, die sich in der Stadt Wil unentgeltlich engagieren.

Das Essen kommt auf Rädern

Ruedi Kiener ist einer der Fahrerinnen und Fahrern, die mit dem Mahlzeitendienst des Spitex-Fördervereins die Lebenssituation von älteren Menschen erleichtern.

Friedrich Kugler

Jeden Morgen bietet sich nach neun Uhr an der Rampe vor der Küche des Spitals Wil das gleiche Bild: Fünf Autos fahren vor. Die FahrerInnen öffnen den Kofferraum, begutachten den bereitgestellten Plan mit den Mahlzeiten-Empfängern für die aktuelle Tour,  verstauen die rund zehn Essen in den Kühlboxen mit grösster Sorgfalt im Fahrzeug und machen sich auf den Weg. Einer dieser Fahrer ist der in Bronschhofen wohnhafte Ruedi Kiener. Der  71-jährige gebürtige Berner gehört dem Team der Mahlzeiten-FahrerInnnen seit sieben Jahr an. Zu dieser Nebenbeschäftigung kam er, wie er erzählt, fast wie die Jungfrau zum Kind: „An der Beerdigung eines Kollegen, der Mahlzeitenfahrer war, fragte ich Doris Schobinger, die Mitbegründerin dieser Dienstleistung, wie man denn Mahlzeitenfahrer werde. Nach der Abdankung war ich es bereits!“

Ruedi Kiener, der während 37 Jahren im Dienste der SBB stand, bei seiner vorzeitigen Pensionierung vor neun Jahren als Projektleiter Signalanlagen, ist ein jovialer Mensch, der bei seiner vorwiegend weiblichen „Kundschaft“ im Westquartier und im Quartier Reuttistrasse/Flurhofstrasse gut ankommt. Normalerweise ist er am Donnerstagmorgen unterwegs. „Einen Zwang verspüre ich bei dieser Freiwilligenarbeit nicht. Die Einsatzpläne werden frühzeitig erstellt, und wenn ich einmal abwesend bin, dann springt eine Kollegin oder ein Kollege für mich ein“, sagt Ruedi Kiener.

Ein Lächeln entlocken

„Spitex-Mahlzeitendienst, grüezi Frau Steffen“: So meldet sich Ruedi Kiener jeweils durch die Gegensprechanlagen. Lange vor geschlossener Tür müssen die MahlzeitenfahrerInnen selten warten. Sie liefern das Essen immer etwa zur gleichen Zeit aus. Ruedi Kiener versteht es mit seinem freundlichen Auftreten und einem netten Wort meisterhaft, den in ihrer Mobilität oft recht eingeschränkten und bisweilen ziemlich einsamen Menschen ein Lächeln zu entlocken. Für einen kurzen Schwatz findet er immer Zeit. Obwohl die Mahlzeiten jeden Tag von einer anderen Person ins Haus gebracht werden, kennen viele seiner Kundinnen und Kunden seinen Namen. Auf seiner Standardtour im Westquartier trifft er regelmässig auf bekannte Gesichter, hat die Familie Kiener mit ihren vier Kindern doch während 14 Jahren in der Eisenbahnersiedlung an der Weststrasse gelebt.

Ruedi Kiener ist für den Spitex-Förderverein eine ideale Besetzung: Er ist mobil, trotz sechs Herz-Bypässen gesund und als Pensionierter nicht mehr in einen starren Zeitraster eingebunden. Dem gelernten Maschinenmechaniker aus der Agglomeration Bern liegt eine sinnvolle Freizeitgestaltung sehr am Herzen: „Mit meiner Nebenbeschäftigung trage ich dazu bei, dass betagte Menschen möglichst lang in ihren eigenen vier Wänden leben können“.

 

Negative Erlebnisse hatte Ruedi Kiener noch nie, auch wenn er auf seinen Fahrten manchmal das Gefühl hat, dass sich alles gegen ihn verschworen habe. Beispielsweise dann, wenn sich die Wartezeit vor dem Lichtsignal an der Rudenzburg-Kreuzung wieder einmal hinzieht oder der Lift in einem Hochhaus  lange auf sich warten  lässt. Zu denken geben ihm einzelne Wohnverhältnisse in der Stadt Wil. Auf seinen Touren wird er gelegentlich mit reichlich verwahrlosten Liegenschaften konfrontiert. Die positiven Aspekte der Nebenbeschäftigung überwiegen deutlich. Fest steht für den Bronschhofner, dass ihm diese Art von Freiwilligenarbeit menschlich einiges bringt. „Wenn es die Gesundheit erlaubt, mache ich gerne noch einige Jahre weiter“, erklärt der kommunikative Mann, der sich im Männer-Jahrgängerverein Wil 1941 – 1945 überdies als Wanderleiter und Reiseorganisator engagiert.

Kästchen

SPITEX-Förderverein Thurvita

 Dieser Förderverein mit über 2‘000 Mitgliedern entstand im Frühling dieses Jahres als Nachfolgeverein des Spitex-Vereins Wil und Umgebung. Präsident ist Martin Giger (Wilen). Der Verein erbringt für die Thurvita AG, welche den Zusammenschluss der ambulanten und stationären Betreuung von pflegebedürftigen Personen bezweckt, mit freiwilligen Helferinnen und Helfern Dienstleistungen an Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Eine wichtige Dienstleistung ist der Mahlzeitendienst.

33 Fahrerinnen und Fahrer haben im vergangenen Jahr in der Stadt Wil (inklusive Bronschhofen/Rossrüti) sowie in Wil-Land (bis Oberbüren) insgesamt 14’738 Essen ausgeliefert. Zur Kundschaft des Mahlzeitendiensts zählen vor allem Menschen, deren Bewegungsfreiheit durch das Alter oder krankheitsbedingt eingeschränkt ist. Der Mahlzeitendienst springt auch temporär ein, beispielsweise nach einem Spitalaufenthalt.

 

An sieben Tagen in der Woche werden von den freiwilligen FahrerInnen je 40 bis 50 gesunde, schmackhafte Mahlzeiten ausgeliefert. Schonend zubereitet werden diese von der Küche des Spitals Wil. Angeboten werden auch Spezialmenüs, beispielsweise für Diabetiker, aber auch fleischlose Gerichte. Die Mahlzeiten werden in einer speziellen Box gekühlt ausgeliefert und werden von den Empfängern auf einer zur Verfügung gestellten elektrischen Platte zur gewünschten Zeit erwärmt.

Der Mahlzeitendienst „Menü mobil“ sucht laufend Verstärkung.  Interessierte Personen mit eigenem Fahrzeug melden sich über die Telefonnummer 079 393 37 73 oder 071 923 49 79 bei Christian Krebs. Optimal ist ein wöchentlicher Einsatz mit einem Zeitaufwand von rund eineinhalb Stunden.